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am 30. November 2012
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Scheißwetter! Der Regen peitscht durch die verlassenen Straßen Londons und ich Polizist/Drogenjunkie/Bürokauffrau hab nichts anderes zu tun, als den verwesenden Mitbewohnern der Stadt den Cricketschläger sooft über die Rübe zu ziehen, bis dieser endlich platzt. Ich bin verunsichert, halte nach Raben Ausschau, kann meine Gedanken nicht sortieren. Was war nochmal in meinem Rucksack? Vorher nachschauen, ob kein Untoter in der Nähe ist. Alles sicher. Zurück zum Rucksack, ah Schokolade, eine der einzigen Freude, die einem nach dieser Apokalypse geblieben ist, aber selbst die kann man nicht genießen.

Ich hör da doch schon wieder was schlurfen. Ganz sicher. Schnell den Riegel Schokolade komplett in den Mund stopfen und dann nochmal … FUCK! Wo kommt der denn her? Hab ich noch Munition? Nein. Fuck, fuck, fuck! Rückzug. Pack mich nicht an. Argh! Zu spät, er hat mich. Er beißt zu. Ich werde ohnmächtig und das einzige, was mir bleibt, ist der süße Geschmack der Schokolade, der sich langsam mit dem bitteren, nach Eisen schmeckenden Blut verbindet.

ZombiU Nackter Kampf ums überleben im-SupermarktZombiU ist ein Survival-Horror-Titel, welcher sich den Genre-Namen redlich verdient hat. Der Titel beginnt bereits ohne große Umschweife, mit der Flucht vor sabbernden Zombies und wirft euch ohne weitere Erklärung in den Kampf ums nackte Überleben. Dies ist das bestimmende Thema im gesamten Spiel: Überleben. Wer es nicht durchhält, stirbt und wird selbst zum lebenden Toten. Derweil schlüpft der Spieler in die Rolle des nächsten Überlebenden, welcher sein vorheriges Selbst aufsuchen kann und zur Strecke bringen darf, um wieder an die wertvollen Dinge im Rucksack des Verblichenen zu kommen. So kann sich natürlich keine althergebrachte Erzählstruktur einbürgern, trotzdem hat das Spiel natürlich eine Hintergrundgeschichte, welche ihr nach und nach mithilfe eines euch über das Survival-Pad zugeschalteten Ex-Militärs aufdeckt. Auch Zeitungen, Postkarten, Briefe und andere Überlebende lassen euch die Geschehnisse in London besser verstehen.

Alles was zählt, ist jedoch das Überleben, denn je länger ihr überlebt, desto kampferfahrener ist euer Charakter und umso leichter ist es die Infizierten auszuschalten. Doch sterben werdet ihr dennoch, und zwar oft. Denn gegenüber der verweichlichten Balleraction eines Resident Evil 6 findet ihr in ZombiU nur selten ein weiteres Magazin für eure Pistole und der (zum Glück unzerstörbare) Cricketschläger tötet auch längst nicht mit einem gezielten Schlag. Nein, ihr müsst euch erst mal mit einigen Schlägen durch die Schädeldecke arbeiten, bis ihr das ZombiU mit dem Cricketschläger im Buckingham PalaceHirn des Zombies mit einem weiteren Hieb zur Dysfunktion überreden könnt. Und so schön ihr euren Lebensbalken auch im Auge behaltet, kann schon ein falscher Schritt, ein Fehlschlag oder ein Streifschuss euer Ende bedeuten. Denn wenn euch ein Zombie erst ein Mal in seinen kalten Griffeln hat, könnt ihr euch vor dem unfreiwilligen Biss nicht weiter wehren. Erst ab der zweiten Hälfte des Spiels bekommt ihr eine Spritze, die euch im richtigen Moment vor solch einem Ausgang bewahrt.

Jeder einzelne Zombie könnte euren Tod bedeuten und wenn das Spiel nach einer gewissen Zeit beginnt, euch nicht mehr nur mit den langsamen humpelnden Otto-normal-Zombies zu triezen, sondern Zombies in Kevelaer-Rüstungen, Zombies mit explodierenden Gastanks auf dem Rücken oder säurespuckende Zombies entgegenstellt, werdet ihr erst richtig ins Schwitzen geraten.

Und auch wenn man sich in der ein oder anderen Szene die Haare rauft und das Spiel in der Frustration des eigenen digitalen Ablebens als unfair bezeichnet, ist es dies eigentlich nicht. Das Spiel ist fordernd und bleibt dabei eigentlich immer plausibel und wirkt teilweise schon fast wie eine Zombie-Apokalypsen-Simulation. Esst ihr beispielsweise Ratten, habt ihr eine Fifty-Fifty-Chance, dass diese euren Lebenszustand verbessern oder eben genau das Gegenteil tun, in dem sie euch den Magen verderben. Ballert ihr wie wild durch die Gegend, alarmiert dies auch die anderen schlurfenden Kumpanen und ihr seid kurz darauf in der Unterzahl. Und wer unachtsam in seinem Rucksack nach dem nächsten Stück Schokolade sucht, dem bleibt dieses womöglich bald im Halse stecken.

Wenn ihr tot seid, schlüpft ihr in die nächste Rolle, welche immer wieder in dem zentralen Punkt, dem Safehouse erwacht. Dank Schnell-Reise-Gulli könnt ihr einen gewissen Teil des Weges abkürzen, trotzdem ist man oft noch einige Minuten unterwegs, um wieder an der Stelle zu sein, wo euer vorheriges Ich verstorben ist. Dies wirkt zwar nicht unbedingt stark aufgesetzt, nach einigen Toten beschleicht einem trotzdem das Gefühl, dass Ubisoft hiermit nur die Spielzeit etwas dehnen wollte. Auch wirken einige GamePad-Funktionen etwas unausgereift, so funktionieren Rucksack, Karte und Schlösser knacken tadellos, um aber verbarrikadierte Türen zu öffnen, müsst ihr einige Male unmotiviert auf den Touchscreen tippen und TADA: habt ihr euch den Weg gebahnt. Das wirkt nicht nur stümperhaft, sondern reißt einen auch gleich voll aus der Szene heraus.

ZombiU Der sichere Hort - Das SafehouseEinen direkten Online-Multiplayer gibt es zwar nicht, jedoch könnt ihr euren Freunden Hinweise auf den Wänden hinterlassen und könnt sogar deren untoten Alter-Egos begegnen, was euch beim erfolgreichen Niederstrecken dieser deren gesamten Rucksack-Inhalt bereitstellt. Im lokalen Multiplayer sieht das schon anders aus. Hier erlebt man das so oft von Nintendo angepriesene asynchrone Gameplay. So übernimmt in den verschiedenen Mulitplayermodi immer der Spieler mit dem GamePad die Rolle des Zombie-Königs, welcher das Level aus der Vogelperspektive beobachtet und aus einer Reihe verschiedener Zombies wählen kann, die er auf der Map verteilt, um dem anderen Spieler, welcher den Überlebenden mithilfe eines Wii U Pro Controllers oder der Wiimote-Nunchuck-Kombination spielt, das Leben zu erschweren. Dies ist wirklich mal eine nette Abwechslung zu bekannten Deathmatchs oder anderer typischer Shooter-Kost.

Zuletzt möchte ich noch meine Hochachtung an die Atmosphäre aussprechen. ZombiU mag keine Grafikbombe sein, fängt aber jeden Schauplatz mit unglaublicher Detailverliebtheit ein, was man vor allem im Sound- und Lichtdesign sieht. Noch nie zuvor bin ich in einem Spiel fünfmal aus einem Container in den Regen gelaufen, um mir den akkuraten Geräuschwandel genauer anzuhören. Auch die deutsche Lokalisierung bekommt von mir ein Lob, was nicht oft der Fall ist. Zwar wird in ZombiU eh nicht viel gequasselt, dafür aber immer im passenden Tonfall, selbst der sarkastische Tonfall des Multiplayer-Ansagers lässt einen gerne schmunzeln.

Insgesamt ist ZombiU ein wirklicher Survival-Horror-Hit, welcher sich kein Fan des Genres entgehen lassen sollte. Auch Wii U-Besitzer, welche noch nach einer Herausforderung für ihre neue Konsole suchen, brauchen sich nicht weiter umschauen. ZombiU ist das Horror-Pendant zu Dark Souls. Zwar zeigt der Titel grafisch keinen Generationssprung, kann sich aber durchaus sehen lassen. Die wirklichen Unterschiede liegen im Gameplay mit dem GamePad. Nicht alle sind sinnvolle Erweiterungen, die meisten zeigen aber die Innovation, die hinter Nintendos Einstieg in die neue Konsolengeneration stecken. Wer also über ein paar kleine Macken hinwegsehen kann, findet hier einen unglaublich guten “Überlebens-Simulator”, der euch Angst und Schrecken einjagen wird und das ist auch gut so!

9 9 von 10

Fazit

Ein wirklicher Survival-Horror-Hit, welcher sich kein Fan des Genres entgehen lassen sollte. Das Horror-Pendant zu Dark Souls.


ZombiU

  • Testsystem: Wii U
  • Erscheint für: Wii U
  • Publisher: Ubisoft
  • Entwickler: Ubisoft Montpellier
  • Genre: Survival-Horror
  • Release: 30.11.2012

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