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am 3. November 2012
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Interessant. Während die Kollegen unterschiedlicher Magazine Medal of Honor: Warfighter an allen erdenklichen Punkten kritisieren und Electronic Arts die Bemusterung auf “nach dem Release” für angemessener hielt, kam ich schon ins Grübeln, ob aus dem vermeintlich toll aussehendem Kriegsakt doch nur ein weichgespültes Schießspiel wurde. Wenn man den Berichten des Internets Glauben schenkt, scheint das zu stimmen. Meine Meinung ist, dass dem Entwickler Danger Close damit zutiefst Unrecht angetan wird. Ich will es mal direkt so sagen: Während ich von Criterions Need for Speed: Most Wanted eher enttäuscht wurde, wurde ich von Medal of Honor: Warfighter angenehm überrascht. Das mögen die meisten Menschen zwar genau andersherum sehen, doch meiner Meinung nach hat Criterion in seiner zweijährigen Entwicklungszeit einfach nicht das erreicht, was man hätte erreichen können. Vielleicht wäre das Spiel ein Jahr später perfekt gewesen, doch das wäre Electronic Arts mit Sicherheit zu spät.

Danger Close dagegen, von denen ich nicht diesen Perfektionismus wie bei Criterion erwartet hätte und die mit ihrem neuesten Kriegsshooter eher durchschnittliche Schlagzeilen machten, haben mich eines besseren belehrt. Allein die von der Presse verschriene Ideenlosigkeit wird mit der Integration von Fahrtmissionen locker wett gemacht. Ich hatte lustigerweise mehr Spaß hinter dem Steuer von Medal of Honor Warfighter als in Need for Speed: Most Wanted. Und hier gab es sogar eine Cockpitperspektive und eine Killcam bei Takedowns!

Medal of Honor: Warfighter - GeschützBeim Rest, muss ich zugeben, wird die Standardkost geboten. Aber das wird es auch jährlich in Sport- und Rennspielen. Interessant ist, dass das Spiel nicht mit Activisions Call of Duty konkurriert, sondern mit dem hauseigenem Battlefield 3. Die Feuergefechte wirken genauso intensiv, die Optik ist genauso genial und auch die Story will eher realistisch als patriotisch wirken. Dafür gibt es nicht diese weitreichenden Gebiete, in denen ihr euch in Panzer setzen oder Helikopter fliegen könnt. Diese Gameplay-Auflockerungen sind eher missionsabhängig. Mal dürft ihr ein Motorboot steuern, ein anderes Mal millionen von Kugeln aus einem Helikopter heraus feuern. Standard eben. Bis auf die vorhin beschriebenen Fahrtmissionen eures PKW, mit dem ihr euch sogar bei eingeblendetem HUD vor Bösewichtern in Familieneinfahrten verstecken müsst. Die Steuerung ist untypisch für einen Egoshooter mehr als gelungen, die Boliden steuern sich fast wie in einem hochwertigem Rallyespiel.

Im Grunde wirbt man bei Warfighter mit authentischen Einsätzen, was in so gut wie jeder Mission auch eingeblendet wird. Bis auf die ein oder andere Szene, in der man beispielsweise Face to Face gegen einen Helikopter kämpft, mag man es dem Spiel auch abnehmen. So könnten die Einsätze im realen Leben wirklich ausgesehen haben. Poliert man sie für die Spielerschaft an allen Ecken und Kanten, haben wir den Warfighter Singleplayer.

Medal of Honor: Warfighter: VerfolgungsjagdStorytechnisch geht es, wie sollte es auch anders sein, um den Mittleren Osten. Dieser hat sich einen größeren Vorrat an Nitropenta, kurz PETN, angelegt. PETN ist ein Sprengstoff mit hoher Detonationsgeschwindigkeit, der heutzutage gewerblich in Plastiksprengstoff wie Semtex zu finden ist. Und was sollte man schon sonst damit anstellen, wenn nicht in Form von Anschlägen gegen den Westen.

Die Geschichte präsentiert sich damit bei Weitem nicht so abgehoben wie die eines Call of Duty, aber weitaus interessanter als jene aus Battlefield 3. Die schonungslose Action wird immer wieder mit ruhigen Zwischensequenzen gestoppt, in der man auch die Charaktere und deren Familienbeziehung kennenlernt. Diese emotionale Komponente ist immer ein guter Ansatz um als Spieler seinen Alter Ego zu akzeptieren und das Spiel authentischer wirken zu lassen. Auch die Konversationen während der Feuergefechte sorgen für Kriegsstimmung und können mitunter nicht nur knallhart, sondern auch witzig sein. Ebenso knallhart sind die Feuergefechte mitsamt der zerstörbaren Umgebung, die ja ein nicht zu unterschätzender Teil der Frostbite 2 Engine ist.

Da ihr nicht allzu viel aushaltet und schon nach wenigen Treffern das Zeitliche segnet, ist eine gute Deckung gefragt. Im Gegensatz zur Konkurrenz könnt ihr hier an den Seiten vorbeigucken, was jedoch etwas umständlich ist und nicht immer perfekt funktioniert. Ein echtes Deckungssystem, bei dem man mehr an der Wand klebt und auch hinüber spähen kann, wäre sicherlich komfortabler gewesen. In Killzone funktionierte das zumindest wunderbar. Etwas störend ist auch, dass man nie genau sagen kann, welche Deckung gut ist, und welche zerschossen werden kann. Denn das hat nicht immer was mit Material und Dicke zu tun und scheint oft willkührlich entschieden worden zu sein. Toll wäre es auch gewesen, zumindest durch Holz und Sandstein schießen zu können. Doch das, was nicht zerstört werden kann, lässt auch keine Projektile durch.

Medal of Honor: Warfighter: Auf Konsole nicht ganz so detailliertAb und an dürft ihr auch in Medal of Honor: Warfighter gewaltsam einen Raum stürmen, indem ihr eine Tür auftretet oder sprengt, um dann in Zeitlupe die dahinter befindlichen Personen auszuschalten. Cool ist, dass ihr mit jedem Kopfschuss, den ihr dabei verteilt, neue Optionen für das Eindringen freischaltet. Einen spielerischen Mehrwert hat das nicht, es ist nur interessant zu sehen, mit welchen Möglichkeiten man eine Tür zum Nachgeben überreden kann.

Hat man nach circa sieben Stunden den Einzelspielermodus beendet und fühlte sich dabei zurecht gut unterhalten, kann man dem Multiplayer eine Chance geben. Kurz und knapp gesagt, wird auch hier Standardkost geboten. Die Maps sind gut gemacht, ein Level-Up-System ist vorhanden und Teamplay wird großgeschrieben. Im Grunde ist es eine angenehme Mischung aus Call of Duty und Battlefield. Wo Call of Duty schneller und actionreicher daherkommt und Battlefield mit einem umfangreichen Fuhrpark auf euch wartet, so ist Warfighter die goldene Mitte. Ein Battlefield mit kleinen Karten, bei denen ihr in Zwei-Mann-Squads ausschließlich zu Fuß unterwegs seid.

Medal of Honor: Motorboot“Team-Deathmatch” und “Capture-the-Flag” sind dabei die bekannteste Modi, die natürlich auch in Medal of Honor vertreten sind, wobei sich letztere “Homerun” nennt. Dazu gesellen sich “Sector Control”, bei dem man Flaggen erobern und halten muss, “Kampfeinsatz”, in dem man verschiedene Kontrollpunkte sprengt und “Krisengebiet” mit ähnlicher Missionsbeschreibung.

Medal of Honor: Warfighter ist ein tolles Spiel geworden und hat mich teils echt überrascht. Die Frostbite 2 Engine ist ein Traum, die Soundkulisse wuchtig, das Gameplay spaßig und die Fahrtmissionen eine tolle Neuerung. Nichts wirkt aufgesetzt, alles ist stimmig. Der Multiplayer ist dazu eine nette Dreingabe, um das Geld auch für weitere Wochen gut angelegt zu haben. Dennoch: Battlefield 3 und das kommende Call of Duty: Black Ops II wird mit Sicherheit für mehr Langzeitmotivation sorgen. Wer jedoch nicht genug von Kriegsshootern bekommen kann, der bekommt mit Medal of Honor: Warfighter einen richtig guten vorgesetzt. Klare Kaufempfehlung, entgegen aller Meinungen, die da draußen so kursieren.

8 8 von 10

Fazit

Medal of Honor: Warfighter ist ein verdammt intensiver Kriegsshooter.


Medal of Honor: Warfighter

  • Testsystem:
  • Erscheint für: PC, PS3, Xbox 360
  • Publisher: Electronic Arts
  • Entwickler: Danger Close
  • Genre: Egoshooter
  • Release: 26.10.2012

Heiß diskutiert