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am 11. Januar 2013
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Far Cry 3 galt schon seit dem Anzocken auf der gamescom als mein diesjähriges Action-Highlight. Während man sich von Entwicklerpräsentation zu Entwicklerpräsentation hangelte und unter all den hektisch abzuklappernden Spielen kaum eines richtig genießen konnte, schaffte es nur Far Cry 3, mich in eine dichte Atmosphäre zu hüllen, in der ich abschalten und mich dem Spiel hingeben konnte. Dementsprechend waren meine Erwartungen hoch, als das Spiel den Goldstatus erreichte und in der Redaktion landete.

Abseits des Großstadttrubels wollte Jason mit seinen Brüdern und Freunden irgendwo im Meer auf einer einsamen Insel den Urlaub seines Lebens feiern. Den Reiz von Extremsportarten auskosten, den sie so gerne erleben. Fallschirmsprünge aus Helikoptern, Wassersportrennen mit dem Jetski. All das an einem Ort, wo sich kein normaler Tourist hin verirren würde. Doch diese Exklusivität hat ihren Preis.

Far Cry 3 wiese

Als ihr in der Haut von Jason Brody wieder zu euch kommt, seid ihr gefesselt und euer Bruder sitzt euch gegenüber. Außerhalb des Gefängnisses kommt ein erheiterter Mann auf euch zu. Sein Name ist Vaas Montenegro und ihr seid jetzt sein Eigentum. Das macht er euch deutlich, während er mit allerhand Beleidigungen unterhält, die nicht für Kinderohren bestimmt sind. Wäre das Spiel real und ihr in der Haut von Jason, wäre Vaas der wohl schlimmste Soziopath, an den ihr gelangen könntet. Da das Spiel aber glücklicherweise nur ein Spiel ist, sorgt der ausgefeilte Charakter direkt für Sympathiepunkte, was nicht zuletzt an der gelungenen Synchronisation von Simon Jäger liegt, der schon Joker aus The Dark Knight seine exzentrische Ausdrucksweise spendierte.

Far Cry 3 - SharkWenige Sekunden später befreit ihr euch aus dem Schlamassel und schleicht an Wachen vorbei, um letztendlich doch erwischt zu werden und eurem Bruder beim Sterben zuzusehen. Natürlich erschossen von Vaas höchstpersönlich. In seiner erhabenen Güte und Psychose befiehlt er euch zu fliehen, schreit „Lauf, Forrest, lauf!“ durch den Dschungel und ergötzt sich an eurem Überlebenswillen, der darin besteht, im Kugelhagel durch die Nacht zu rennen. Natürlich weiß Vaas, dass er euch ohnehin zurückbekäme.

Letztendlich entkommt ihr aber den Piraten und bemerkt, dass ihr nicht der Einzige seid, der Rache gegen Vaas und seine Männer schwört. Die Eingeborenen kämpfen ebenso um ihr Territorium und hassen die mit Menschen handelnden Piraten. Ein Umstand, der euch verbindet, euch langsam von einem Extremsportler zu einem Soldaten werden lässt. Steht die Befreiung der Freunde anfangs noch an oberster Stelle, verdrängt ihr schon bald im Namen der Insel eure Feinde. Ein Unterschlupf und Waffen werden euch für eure Mithilfe von den Einheimischen gestellt und langsam beginnt ihr die überdimensionale Karte durch das Abschalten von Sendetürmen aufzudecken.

Far Cry 3 ActionDie Welt ist so riesig, dass man schon mal vergessen kann, warum man noch nicht den nächsten Flieger zurück in die Heimat genommen hat. Denn anstelle der Hauptstory zu folgen und eure Freunde zu retten, baut ihr in Nebenmissionen erst einmal eurer Waffenrepertoire auf und schneidert euch neue Beutel, um es später gegen die feindselige Armee aufzunehmen. Jagt Hirsche, Wildschweine, Tiger oder gar Haie, um euch mit deren Häute größere Geldbörsen oder erweiterte Taschen für Zubehör und Waffen herzustellen. Aber auch der Sammler in euch kommt nicht zu kurz. Neben versteckten Kisten, Geld und Schätzen müsst ihr vorrangig nach Pflanzen Ausschau halten, mit denen ihr euch neue Spitzen herstellen könnt. Egal ob Heilung oder Jagdverbesserer, aus den Früchten der Natur lässt sich so allerhand anstellen, um nicht nur eure Wunden zu versorgen, sondern auch eure Sinne zu schärfen.

Die Missionen fallen dabei recht unterschiedlich aus. Mal müsst ihr bestimmte Waren mit einem Buggy oder Boot in Checkpointrennen an einen kleinen Außenposten liefern, ein anderes Mal ein Camp voller Schurken dem Erdboden gleich machen. Dann gibt es noch Wettbewerbe, wie das Töten möglichst vieler Feinde nur mit Granaten in einem bestimmten Zeitraum oder die Jagd, in der ihr offiziell ein tollwütiges Rudel Hunde erlegen müsst.

Far Cry 3 - RPG

Dabei habt ihr stets die Wahl entweder rabiat mit Flammen- und Raketenwerfer vorzugehen oder das Gebiet erst einmal auszukundschaften. Denn mit eurer Kamera könnt ihr nicht nur die Lage checken, auch Feinde lassen sich dauerhaft markieren und sind so auch durch Wände sichtbar. Dann ist es ein Leichtes, sie mit Messer oder Schalldämpfer lautlos nacheinander um die Ecke zu bringen oder dank Skillsystem coole Moves auszuführen, wie der Tot von oben. Dabei stellt ihr euch einfach auf einem Hügel oder eine Hütte und springt mit dem Messer auf euren Angreifer. Taktiker und Actionverliebte kommen ergo gleichermaßen auf ihre Kosten.
Mit dem Skillsystem lassen sich aber auch allerhand andere Fähigkeiten ausbilden. Denn für alles, was ihr im Spiel macht, gibt es, je nachdem wie ihr euch dabei anstellt, mehr oder weniger Erfahrungspunkte. Setzt diese dann in Fähigkeiten wie eben den Tot von oben ein, oder geht das Ganze etwas passiver an und erhöht eure Lebensanzeige. Schnelleres Schwimmen, Nachladen im Rennen oder das Wegschleifen erlegter Gegner sind ebenso möglich. Und das waren wirklich nur wenige der letztendlich aufzählbaren Möglichkeiten, mit denen ihr euch zu einem besseren Soldaten im Laufe des Spiels entwickeln könnt.

Far Cry 3 Motorboot

Obwohl der Singleplayer das Herzstück des Spiels ist, hat man sich auch beim Multiplayer ins Zeug gelegt. Zumindest nach bestem Gewissen des Entwicklers. Mir dagegen will er nicht so ganz gefallen. Zum einen wäre da die Koop-Insel, die man mit bis zu drei weiteren Freunden von Unrat befreien kann. Zwar ist die kleine Geschichte um den brutalen Bullen im Ruhestand und den anderen mitunter finsteren Gesellen interessant erzählt, gewinnt letztendlich in der Ausführung aber keinen Blumentopf. Denn die Insel ist nur optisch dem Open-World-Feeling der Einzelspielerkampagne nachempfunden, die Missionen selbst sind aber eher schlauchartig. Die Feinde halten ziemlich viele Kugeln aus und bis auf ein paar kleine Wettbewerbe untereinander ist der Kooperationsmodus eine ziemlich stumpfsinnige Shooterkost. Wirklich Spaß machte es mir und meinen Kumpels nicht, was merkwürdig ist, wo der Singleplayer doch Laune macht wie kein zweites Spiel und dieser eigentlich nur gesteigert werden könnte, wenn Freunde daran teilhaben. Aber das ist der Punkt. Der Modus scheitert an seiner Beengtheit und den unrealistisch vielen Salven, die man in einen feindlichen Körper zu verpulvern hat.

Neben dem Koop gibt es aber auch herkömmliche Mehrspieler-Gefechte, in der ihr gegeneinander antreten könnt. Leider ohne Deathmatch, Freiheit und Fahrzeuge. Stattdessen wird im Team agiert, etwas umständlich eine Party mit Freunden aufgebaut und dann ebenso halbherzig Spaß vermittelt, wie schon im Koop. Die spielbaren Modi sind dabei folgende:

Far Cry 3 Koop

Die vier Charaktere aus dem Koop

- Team-Deathmatch – Eliminiert das gegnerische Team
- Feuersturm – Zerstört gegnerische Basen
- Kampfzone – Erobert bestimmte Gebiete
- Übertragung – Sucht Funksender auf und nehmt diese ein

Wie man das heutzutage dank Call of Duty gewohnt ist, bekommt ihr natürlich auch im Multiplayer Erfahrungspunkte, wobei jeder Kill für die dafür genutzte Waffe zählt und diese dabei aufstuft. Neu ist hier, dass ihr Fundstücke in den Matches erhaltet, wie beispielsweise USB-Sticks oder CDs. Lässt man diese entschlüsseln und wartet ein paar Minuten, lassen sich aus den entcrypteten Informationen Belohnungen ergattern, die beispielsweise in Form von Erfahrungspunkten oder Waffenaufsätzen daherkommen.

Innerhalb der Matches lädt sich zudem eine Leiste auf, die sich an Teamunterstützungen richtet. Anfangs noch als Giftgasangriff für Aufregung gesorgt, könnt ihr wenige Zeit später einen verheerenden Luftangriff anfordern. Aber auch Kampfschreie lassen sich ab und an aktivieren und helfen euch und umstehenden Personen eure Fertigkeiten für kurze Zeit zu verbessern. Zum Beispiel durch verringerten Rückstoß eurer Waffe oder mehr Lebensenergie. Mitunter tolle Ideen, spielerisch fehlt aber auf gut Deutsch der “Knack”.

Far Cry 3 EgoshooterTechnisch gesehen gehört das Spiel der Oberliga an. Die Insel ist ein Traum und in den kalten Wintertagen perfekt für die Seele. Es sieht einfach super aus, besitzt ein wechselndes Tag-/Nacht-System und lässt mitunter Regenwolken durch. Gleichzeitig wurde es mit so viel Liebe zum Detail gemappt, dass ihr immer wieder tolle Orte und Verstecke findet und nichts wie mit wenigen Klicks aus dem Editor erstellt zu wurden scheint. Und doch schafft es das Inselparadies auch mehr zu sein, als der Busen der Natur. Wenn ihr hinterrücks von Tigern, Komodorane oder Spezialtrupps von Vaas in Schach gehalten werdet und im dichten Gestrüpp nur auf die Stimmen der lauernden Feinde achtet, verwandelt sich eure Umgebung schnell in die Hölle auf Erden und hinterlässt brennende Erde. Leider ist aber so gut wie nichts zerstörbar, weshalb ein Angriff mit der Panzerfaust keinen großen Schaden hinterlässt, wenn ihr sie in eine der Papphütten semmelt. Schade eigentlich, immerhin vor etlichen Jahren DAS Feature der CryEngine im Erstling.

far cry 3 islandWarm ums Herz wurde mir aber auch beim Sound. Die rabiaten Töne der deutschen Synchronsprecher-Elite ist nicht nur toll aufgenommen, sie ist mitunter auch lustig, wie generell die Texte im Spiel. Ob beim Auffinden einer Pokerkarte oder dem Fahren eines Vehikels, überall lässt das Spiel kleine Infotexte ab, die eher lustig als informativ sind. So befindet sich auf dem Buben ein aufgemalter Penis, während das Fahrzeug aus den Blechhütten der Einwohner gebaut wurde und wie es der Kreislauf des Lebens will, am Ende auch wieder zu einem Haus abmontiert wird. Da Vaas’ Sätze aus einem einzig großen Fluch bestehen, hat man sich bei dem kranken Charakter wohl gedacht, dass ihn niemand besser als die Synchronstimme des Jokers aus The Dark Knight vertonen könnte. Simon Jäger leistet hier wirklich tolle Arbeit, auch wenn es Ubisoft nicht immer hinbekommen hat, es lippensynchron abzuspielen. Ihr selbst habt die Stimme von Gerrit Schmidt-Foß angenommen, der sonst Schauspielern wie Leonardo DiCaprio seine Stimme leiht. Auch Oliver Rohrbeck ist dabei (Die drei ???) und jede Menge mehr. Alles in allem ein äußerst gelungener Cast, bei dem nicht am falschen Ende gespart wurde.

Far Cry 3 Boot

Die Wartezeit auf den Titel hat sich gelohnt. Während andere Spiele einen über Monate lang hypen und letztendlich die aufgebrachte Vorfreude nicht im Ansatz halten können, hat es Far Cry 3 wirklich geschafft, für ordentlich Spielspaß zu sorgen. Leider bin ich von dem Multiplayer etwas enttäuscht und musste wahrlich überlegen, ob ich das Spiel nun abwerten sollte oder nicht. Traurigerweise hätte es dem Spiel in diesem Falle gut getan, einfach keinen Mehrspieler mitzuliefern, dann hätte ich für den Umfang des Singleplayers auch nichts zu meckern gehabt. Aber ich bin fair, sehe den Multiplayer als nett gemeinten Bonus und sage, dass das Spiel sich an alle richtet, die mal wieder ein schönes Open-World-Spiel genießen, sich an weit entfernte Strände begeben und in einem alten Boliden die Küsten entlang brettern wollen. Unterwasser und in Höhlen nach Schätzen suchen oder von gefräßigen Tieren gefunden werden wollen. Sich der Schönheit der Wasserreflexionen hingeben oder erstaunt dem Feuerpilz einer explodierenden Brücke nachgehen. Für euch ist dieses Spiel gemacht und liefert als netten Bonus sogar noch etwas Multiplayerspaß. An alle Multiplayer-Verliebten: Der Nikolaus hat den Aftermath DLC für Battlefield 3 gebracht. Damit seid ihr besser aufgehoben.

9 9 von 10

Fazit

Das Action-Highlight des Jahres


Far Cry 3

  • Testsystem: PC
  • Erscheint für: PC, PS3, Xbox 360
  • Publisher: Ubisoft
  • Entwickler: Ubisoft Montreal
  • Genre: Egoshooter
  • Release: 30.11.2012

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