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am 18. Februar 2013
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Was haben wir uns als Gamer die Zähne gefletscht, als es darum ging, zu beurteilen, was man vom neuen Dante halten soll. Was haben wir uns über den Reboot gewundert, wo die alten Teile doch keineswegs schlecht waren. Und wie groß war die Enttäuschung, als man die ersten Bilder zum neuen Helden sah. Es erinnerte mich irgendwie an die Geschichte von Spider-Man. In der man auch im letzten Jahr den sympathischen Hauptdarsteller gegen einen generischen Emo ersetzte. So ändern sich die Zeiten. Während die Musikindustrie vor ein paar Jahren noch Witze über Bill Kaulitz machte, ist er nun Juror in einem von Deutschlands größtem Senderformat. „Schwamm drüber“, sagte ich mir, befreite meinen Geist von überschüssigem Ballast der letzten Jahre und gab dem Neuen mit der schwarzen Kurzhaarfrisur eine Chance. Ob sie Dante zu nutzen wusste, habe ich in 22 Kapiteln, zwölf Stunden Spielspaß und mit einem Xbox 360-Controller am PC überprüft.

dmc danteIch muss zugeben: Seit Sony mit God of War einen glorreichen Feldzug im Hack ’n’ Slay-Genre führt, haben es bei mir neue Metzelspiele erst einmal schwer. Denn sie müssen sich mit Santa Monicas opulenter Grafik, bombastischem Sound, genialen Gameplay und einem Storytelling messen, dass selbst Hollywood erbleichen lässt. Hinzu kommt, dass die Konkurrenz groß und stark geworden ist. Nicht nur, dass Raiden in Metal Gear Rising: Revengeance mit einem wirklich innovativen Kampfsystem neue Akzente setzen möchte im nächsten Monat, auch Spiele wie Bayonetta und Castlevania: Lords of Shadow waren Hochkaräter. Und selbst die dreiste Kopie eines God of War namens Dantes Inferno war objektiv gesehen ein sehr guter Titel. Nicht leicht also nach vier Jahren seit dem vierten Teil nun der Spielerschaft wieder eintrichtern zu wollen, wer das Genre groß gemacht und damit Anspruch auf den Spielethron hat.

Capcom war der Meinung, dass ein Reboot für die Serie eine tolle Sache wäre und gab Ninja Theory das Ruder in die Hand. Keine schlechte Idee, bewiesen sie doch kurz nach dem Launch der PlayStation 3 mit Heavenly Sword, dass sie gute Hack ’n’ Slay-Spiele basteln und mit frischen Ideen punkten können, auch wenn Quicktime-Events der Vergangenheit angehören.

Bei Dmc: Devil May Cry macht es Spaß die Charaktere in neuem Gewand zu sehen, zu überlegen, welche Tönung sie in der alten Serie in den Haaren hatten und zu rätseln, ob der weißhaarige Mann der Zwillingsbruder Vergil ist oder nicht, bis er es irgendwann von selbst verrät. Zudem ist er der Anführer der Nonkonformismus-Gruppe genannt “Der Orden”, eine Organisation, die die Dämonen in der realen Welt aufdecken und vernichten wollen und dabei irgendwie an Anonymous erinnern. Ihn begegnet ihr kurz nach dem Zusammentreffen mit Kat, die im modernen Okkultismus mit Spraydosen herumrennt und Portale an Wände und Böden sprüht. Während Dante und Vergil Nephilim sind, also Kinder der Engelsmutter und des Dämonenvaters, ist Kat nur ein Mensch mit übersinnlichen Fähigkeiten.

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Interessant und witzig zugleich ist die Geschichte, die auf dem zweiten Blick äußerst gesellschaftskritisch erscheint. Alles spielt in der fiktiven Stadt „Limbo City“, die im Verborgenen von mächtigen Dämonen kontrolliert wird. Über die Arbeit, den Lebenskomfort und das Entertainment wird die Gesellschaft so manipuliert, dass sie von alledem nichts mitbekommt. Das Alphatier dieser Welt ist ein Dämon namens Mundus, der die Nephilim hasst, weil Dämonen und Engel niemals ein Paar werden dürfen, wie es bei den Eltern von Dante und Vergil der Fall war. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, dürfen sie erst recht keine Kinder zeugen, da die Nephilim äußerst starke Kreaturen sind, die das Beste aus beiden Lagern vereinen. Aus diesem Grund tötete er Dantes und Vergils Mutter, als sie noch kleine Jungen waren. Der Vater brachte sie weg und versteckte sie heimlich an verschiedenen Orten, weshalb sie erst im Laufe der Geschichte wieder aufeinander treffen. Doch auch Daddy hatte kein Glück und wurde verbannt. Verbannt an einen Ort, schlimmer noch als der Tod. Dort gibt es nichts außer Leid und unaufhaltsame Qualen. Der arme…

Direkt unter dem Dämonenboss steht ein Nachrichtenreporter, der wohl zweitgrößte Dämon der Gesellschaft. Dieser verdreht zu jeder Zeit im Spiel die Tatsachen, beschuldigt euch öffentlich als perversen Kinderschänder und macht euch zum Staatsfeind Nummer Eins. Im Grunde die Mittel, die auch die “Bild” und Co. benutzen, um für Meinungsmache zu sorgen. Blöd nur, dass es auf den ersten Blick wirklich stimmt. Denn immer wenn es zu einem Kampf kommt, zieht euch das Böse in den Limbus, quasi dem Paralleluniversum, einer Zwischenschicht. Und während ihr hier die Angreifer mit stilsicheren Schwerthieben den Garaus macht, habt ihr in der realen Welt als Menschen getarnte Dämonen getötet, die mitunter winseln und um Gnade beten.

dmc devil may cry dream

Leider erfährt man nicht im Spiel, was es mit der Statue im Hintergrund auf sich hat.

Neben unzähligen Fuß- und Fliegertruppen stellen sich mehrere Zwischenbosse in den Weg. Sie alle sind nicht immer nur mit bloßer Waffengewalt zu erledigen, sondern benötigen auch die ein oder andere Technik. Während die Mutter über die Nabelschnur mit eurem Enterhaken aus dem schleimigen Riesenfötus gezogen werden will (nein, ich habe mich nicht in der Reihenfolge vertan), müsst ihr bei wieder anderen Gegnern von Plattform zu Plattform schwingen. Die Techniken des Hakens, der einmal Gegenstände ziehen oder euch an schwer zu erreichende Orte bringen kann, muss erst einmal in Traumsequenzen gelernt werden. Später dürft ihr auch kurze Strecken fliegen und müsst diese drei Techniken miteinander verbinden. Dann wird es knifflig und im Kampf zu einer richtigen Fingerakrobatik. Schließlich habt ihr später acht Waffen, könnte jede von ihnen aufleveln und im Kampf sinnvoll nutzen. Einige Feinde sind nur mit euren dämonischen Fäusten und einer fetten Axt zu besiegen, wieder andere schickt ihr nur mit einer Art Ninja-Sterne oder der Sense zurück in die Hölle. Neben eurem herkömmlichen Schwert sind natürlich die zwei Pistolen Ebony und Ivory mit im Waffenrepertoire. Eine abgesägte Schrotflinte und – ich nenne ihn jetzt einfach mal – Granatenwerfer erhaltet ihr ebenso nach einigen Stunden.

Das Kampfsystem ist schnell und wirklich gelungen. Ihr könnt während des Kampfes nicht nur flink zwischen allen acht Waffen wechseln und für fette Kombos sorgen, sondern auch taktisch klug vorgehen. Da das Blocken im Spiel äußerst schwer ist und von perfektem Timing abhängt, ist es zudem auch für Profis geeignet, nicht zuletzt dank der regen Anzahl an Schwierigkeitsgrade, die das Spiel mitunter beendet, sobald ihr einen Treffer kassiert. Wurdet ihr bestenfalls nicht getroffen und habt wahnwitzige Kombos aufs Parkett gelegt, gibt es Wertungen von D bis SSS. Und abseits der schlauchartigen Levelarchitektur sind in jeder Mission auch Seelen versteckt, die gefunden und mit ein paar Hieben befreit werden wollen. Diese hört man am leidenden Stöhnen, wenn man sich in ihrer unmittelbaren Nähe befindet. Auch Bronze-, Silber-, Gold- und Elfenbeinschlüssel sind an schwer zu findenden Stellen versteckt. Mit ihnen lassen sich geeignete Türen öffnen, um in Minispielen sein Können unter Beweis zu stellen. Zum Beispiel das Töten von Feinden innerhalb des Zeitlimits oder ein Zeitrennen mit Parkour-ähnlichen Elementen. Als Belohnung winken Gegenstände, um Dantes Gesundheit zu erhöhen oder seinen Dämonentrieb, bei dem man für kurze Zeit übermächtig wird im Kampf. Oftmals fand ich Türen, für die ich keinen Schlüssel hatte und versteckte Wege, die man erst erreicht, wenn man eine Waffe hat, die man erst später im Spiel erlangt. Neustarten von Missionen im Nachhinein kann sich folglich lohnen.

Mit Dantes’ Coolness musste ich aber erst warm werden. Gerade in der deutschen Synchronisation, auch wenn sie nicht wirklich schlecht ist, wirkten mir viele Sprüche zu aufgesetzt. Das legte sich aber schon nach wenigen Missionen und ich freundete mich wirklich mit den Charakteren an, was auch an der guten Mimik der Figuren lag, die nicht immer aussprechen mussten, was sie meinten. Und während Kratos eher eine „Ist mir scheißegal“-Attitüde an den Tag legt, so ist sie bei Dante eher im Stile von „Fickt euch“ ausgeprägt. Das ist mitunter wirklich lustig, wenn er seine Gegner auf derartigem Niveau verbal in die Schranken weist, und seien wir mal ehrlich, es sind stinkende, hässliche Dämonen. Von daher passt das Umfeld auf die Faust aufs Auge. Witzig wird es aber auch, wenn er sich mit seinem Bruder darüber streitet, wer der stärkere, schlauere oder gar hübschere ist. Um dann im Weggehen noch einmal hinterher zu posaunen: „Dafür habe ich den größeren Schwanz“.

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Grafisch ist das Spiel eine Augenweide. Während die reale Welt eher in Grau- und Brauntönen daherkommt, sind die verzerrten Orte im Limbus schaurig schön. Hier werden mit allerhand Farben gespielt, tolle Wassereffekte zelebriert und die Welt auf den Kopf gestellt. Die Schwerkraft ausgehebelt und Strukturen und Objekte deformiert. Zudem ist es einfach nur genial sich auf den 3D Animationen eines Fernsehstudios zu begeben und die heißen Beats einer Discothek durch den Limbus zu betrachten. Auf dem PC sieht das natürlich am schönsten aus, aber auch die Konsolenversionen müssen sich nicht verstecken und sind in etwa gleich auf. Man darf also gerne da zuschlagen, wo man sich am Controller am wohlsten fühlt. Wer eher selten zockt und beim Aufzeigen des Tastenlogos dieses auf dem Controller immer nochmal suchen muss, für den dürfte DmC: Devil May Cry vielleicht etwas zu ausgeklügelt sein. Jede Taste hat hier Zwei- und Dreifachfunktionen und alle paar Minuten kommt eine oder ein neuer Kombo dazu.

Der Sound spielt in einer ähnlichen Liga. Die Heavy Metal Musik passt nicht nur wie die Faust aufs Auge, sie ist sogar perfekt für ein Videospiel abgemischt. So gibt es zu jederzeit, egal wann man den Kampf beendet, ein gelungenes Outro, das euren Sieg gebührend huldigt. Die Synchro sollte dagegen eher im Originalton genossen werden, ist aber, wenn man deutsche Texte bevorzugt, auch nicht so schlecht geraten. Oftmals nur etwas emotionsloser. Auch konnte ich den Dämonenfürsten nicht ganz ernst nehmen, besaß er doch die Stimme des Erzählers aus LittleBigPlanet, der mich dort dauerhaft grinsen ließ. Zwar sprach er hier düsterer und alles andere als humorvoll, doch wurde ich immer wieder an meine Abenteuer als Sackboy erinnert. Der Reporter, der in der Dämonenliste nur einen Rang tiefer steht, kam mir aus Heavy Rain bekannt vor. Dort synchronisierte er Scott Shelby oder in Uncharted Victor „Sully“ Sullivan.

Tolle Arbeit, Ninja Theory! Was für ein Start ins neue Jahr: Die Messlatte für Metal Gear Rising: Revengeance und God of War: Ascension ist bereits so weit oben, dass man es kaum noch besser machen kann. Eine in meinen Augen gelungene Entscheidung, der Serie neuen Wind zu verleihen und bei all dem Geheule der Fans dennoch stur zu bleiben. Letztendlich passt der Charakter sehr gut zum neuen DmC: Devil May Cry und nimmt sogar im Spiel selbst die Kritiker auf die Schippe (siehe Video über dem Fazit). Die ganzen Anspielungen der Verwobenheit der Dämonen mit der digitalen, realen Welt ist zudem ein künstlerischer Fingerzeig auf unser reales Leben. Hier ist der plumpe Meinungsmacher im Fernsehen der Teufel selbst und bevor man beim Dämonenfürsten landet muss man durch dessen Finanzdistrikt. Man scheut es nicht an dieser Stelle anzumerken, dass „diese Wesen keine Menschen mehr sind […] so sehr verdorben“. Und auch die Spielwelt selbst spricht wie in Splinter Cell: Conviction mithilfe von Texten mit euch, um euch im Namen des Bösen Flüche wie im Exorzismus an den Kopf zu werfen oder mit Forderungen der wandelnden Seelen im Finanzsektor zu schockieren. „Arbeitet härter“, „Schuld ist göttlich“, „Verdient mehr“ und „Verkauft mehr Schuld“ prangert dort in gleißender Schrift. Wie ein versteckter Leitfaden, nicht nur die Dämonen am Ende des Spiels besiegt zu haben, sondern sie auch bei uns zu suchen.

9 9 von 10

Fazit

Schon jetzt eines der besten Spiele des Jahres.


DmC: Devil May Cry

  • Testsystem: PC
  • Erscheint für: PC, PS3, Xbox 360
  • Publisher: Capcom
  • Entwickler: Ninja Theory
  • Genre: Hack 'n' Slay
  • Release: 25.01.2013