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Pokémon Tekken im Test: Einsteigerfreundlich aber trotzdem mit Tiefgang

Pokémon Tekken ist außerhalb Deutschlands als Pokkén Tournament bekannt. Ein Titel, der das Kampfspiel eleganter beschreibt als das etwas plumpe deutsche Gegenstück: Doch Nintendos Marketingabteilung war von dem Slogan „Windpocken-Partys ab jetzt nur mit Pokkén“ offenbar nicht überzeugt. Verstehe das wer will.

Wer nun erwartet, dass Pikachu in Pokémon Tekken in einem bizarren Crossover gegen Heihachi antritt, der täuscht sich. Genausowenig wurden Nintendos Hosentaschenmonster einfach in das altebekannte Tekken-Gameplay verfrachtet. Pokémon Tekken wurde zwar von Namco Bandai und Tekken-Produzent Katsuhiro Harada entwickelt, es ist jedoch ganz klar sein eigenes Ding: Und es macht dabei gar keine schlechte Figur.




In der Duellphase bewegen sich die Pokémon – wie in Genre-Kollegen wie Street Fighter – auf einer 2D-Ebene.

Zeit für ein Duell (warte, falscher Film)

Pokémon sind bekannterweise keine gemächlichen Kämpfer, sondern agile Wesen, die ausufernde Kampfarenen zu ihrem Schlachtfeld machen. Dies spiegelt auch das Gameplay von Pokémon Tekken wider: Anders als klassische Fighting Games wie etwa das namenstiftende Tekken sind die Kämpfe hier in zwei unterschiedliche Phasen aufgeteilt. Jeder Kampf beginnt in der Feldphase, in welcher sich die zwei konkurrierenden Monster frei in einem Kampfareal bewegen können und der Fokus vor allem auf Fernangriffen liegt. Sobald einer der beiden Spieler einen guten Treffer landet, wechselt das Spiel in die Duellphase: Hier bewegen sich die kämpfenden Pokémon nun — wie in Tekken und Street Fighter — auf einer 2D-Ebene, während das Gameplay stärkere Gewichtung auf schnellen Nahkampf legt. Die Movesets unterscheiden sie je nach dem in welcher Phase man sich befindet, daher hängt es vom Monster ab, welche Phase im Kampf von Vorteil ist.

In den Handheld-Episoden der Pokémon-Reihe können die Monster zwar nur vier Moves gleichzeitig erlernen, aber diese Limitierung wurde glücklicherweise nicht in Pokémon Tekken übernommen: Wie man es von einem Fighting-Game erwartet, kann jedes Monster verschiedenste Kombos aus dem Hut zaubern. Wenn man ordentlich austeilt, füllt sich zudem die sogenannte Blast-Leiste: Sobald diese aufgeladen ist, kann ein Monster in den Blast-Modus wechseln. Hier hauen die Pokémon nicht nur stärker zu — Monster wie Glurak verwandeln sich gar in ihre Mega-Evolution — sondern können auch einmal ihren alles vernichtenden Blast-Move ausführen. Sollte der Gegner diesen nicht blocken können, ist gigantischer Schaden garantiert.




In der Feldphase kann man sich frei in der 3D-Arena bewegen.

Die Kämpfe werden hierbei von einem System zusammengehalten, welches nach dem Schere-Stein-Papier-Prinzip funktioniert: Normale Angriffe schlagen Grabs, Grabs schlagen Konter und Konter wiederrum sind stärker als normale Angriffe. Wer seinen Vorteil ausnutzt, kann verherrenden Schaden bewirken — sollte man jedoch den falschen Angriff zur falschen Zeit auspacken, ist Schmerz vorprogrammiert.

Pokémon Tekken präsentiert sich somit als flottes aber ernsthaftes Kampfspiel, welches einstiegsfreundlicher als ein normales Tekken daherkommt, aber mit seinen vielen verschiedenen Systemen und Situationen auch von Fighting-Pros nicht unterschätzt werden darf. Auf dem diesjährigen EVO-Turnier wird die professionelle Fighting Game Community erstmals auf großer Bühne in Pokémon Tekken gegeneinander antreten: Es wird interessant zu beobachten sein, wie gut — oder schlecht — es von der Community und Zuschauerschaft aufgenommen wird.

Die Mechaniken können also überzeugen, aber wie sieht es mit dem Umfang aus? Spätestens seit der großen Kontroverse um Street Fighter 5 wissen wir schließlich, dass ausgefeiltes Gameplay alleine noch nicht ausreicht, um glücklich zu machen.

2,2% aller Pokémon treten in den Kampf

Das Roster ist mit 16 Pokémon, die sich aus coolen Publikumslieblingen wie Glurak und Lohgock über Knuddelfavoriten wie Pikachu bis hin zu obskuren Monstern wie Skelabra oder Pikachu Libre zusammensetzen, solide besetzt aber überschaubar in seiner Größe. Natürlich wissen Fighting-Enthusiasten, dass die Anzahl der Kämpfer weniger wichtig ist als ein gelungenes Balancing der Recken: Auch hier haben die Entwickler solide Arbeit geleistet, die aber nicht frei von Kritik ist. Fast alle Monster sind in der Lage sich im Kampf gut zu behaupten, wenngleich in Online-Matches spamfreudige Monster wie Suicune und Rutena auf die Nerven gehen können und einige Blast-Moves nicht nur sehr mächtig, sondern auch kaum zu blocken sind. Hier hätte etwas mehr Feintuning geholfen. Enttäuschend: Die Entwickler kündigten bereits an, dass kein DLC für Pokémon Tekken geplant sei. So hat man als Pokémon-Fan leider immer das Gefühl, dass im Roster noch viel, viel mehr möglich gewesen wäre.

Die Spielmodi von Pokémon-Tekken sind überschaubar. Als Story-Modus fungiert die sogenannte Ferrum-Liga. Damit der spielerkreierte Trainer zum allerbesten wird wie es keiner vor ihm war, muss er nicht etwa Orden sammeln, sondern sich an die Spitze von insgesamt vier Ligen kämpfen, die stets schwerer werden. Kann man in der grünen Liga leicht das Gefühl bekommen, dass sich die KI gerade einen Kaffee kocht, schon von einem leckeren Kuchen träumt und auf die ganze Kämpferei einfach gar keinen Bock hat, können die letzten beiden Ligen mitunter herausfordernd werden: Button-Mashing reicht meist aus um zu bestehen, aber ab und zu sollte man dann doch unter Beweis stellen, die Mechaniken des Spiels verstanden zu haben.




Die Pokémon sehen gut aus, die Arenen sind im Hintergrund detailreich: Leider wirkt Pokémon Tekken aber oftmals etwas verschwommen.

Leider werden die Ligen schnell monoton und bieten kaum Überraschungen: Man kämpft sich in einer Unzahl an Matches aus dem großen Pool der Turnierteilnehmer in die Top 8, anschließend gibt es ein kurzes KO-Turnier gefolgt von einem Aufstiegskampf, der entscheidet, ob ihr gut genug für die nächste Liga seid. Am Anfang spaßig, ist es irgendwann doch eher anstrengend sich durch die Top 90 einer Liga zu kämpfen und dabei gegen die immergleichen Pokémon anzutreten. Auch die Geschichte um Schatten-Mewtu, die am Ende einer jeden Liga kurz vorangetrieben wird, ist nicht nur langweilig präsentiert, sondern passt in ihrer Gänze auf eine Briefmarke.

Soloisten können zudem im Training Dojo ausführliche Tutorials besuchen und ihre Kombos üben oder aber im Single Battle gegen ausgewählte CPU-Gegner in den Kampf treten: Der übliche Genre-Mindeststandard. In der Stadt kann man sein gesammeltes Geld verprassen um neue Kleidung und Accessoires für seinen Trainer zu kaufen.

Weiter geht’s zu den Multiplayer-Modi: Im lokalen Multiplayer starrt ein Spieler auf das Wii U GamePad, während der andere auf dem TV-Bildschirm unterwegs ist. Die Framerate wird von 60 Bildern die Sekunde auf 30 gedrosselt, zudem fallen Details am Arenarand weg: Nicht optimal, aber trotzdem gut spielbar. Wer es etwas aufwendiger möchte, kann auch zwei Wii Us miteinander verbinden und im LAN-Modus gegeneinander antreten. Dies geht entweder per klassischem LAN-Kabel und dem Wii U-LAN-Adapter oder kabellos über einen Router und eurem lokalen Netzwerk.

Online hat man die Wahl es in Friendly Battles gemütlich anzugehen oder in Ranked Battles verbissen um Ruhm und Glanz zu kämpfen: Egal für welchen Modus man sich entscheidet, der Netcode kann überzeugen. In den unzähligen Matches, die wir online verbracht haben, waren Lags und Disconnects nur selten ein Problem.

Pokémon Tekken ist mehr als bloß eine spröde Mixtur aus Pokémon und Tekken: Es ist ein wirklich gelungenes Fighting-Game, das mit seiner flotten Action Einsteiger einlädt, aber genug Tiefgang besitzt, um auch Fighting-Profis bei Laune zu halten. Wie Genre-Kollege hapert es jedoch am Umfang: Mit nur 16 spielbaren Pokémon und wenigen Spielmodi wird hier leider etwas zu wenig geboten.